Qigong

Gedichte vom Kalten Berg 寒山詩

übersetzt von Árpád Romándy

Vorwort zu den Gedichten des Hanshan, von Lü Qiuyin, Leiter der Präfektur Tai

Niemand weiß, woher Hanshan stammte. Es gibt noch alte Leute, die ihn gekannt hatten: sie sagen, er wäre ein armer Mann gewesen, ein verrückter Geselle. Er lebte allein an einem Ort, genannt Hanyan, Kalter Felsen, siebzig Li westlich des Tangxing-Bezirkes von Tiantai. Oft stieg er hinunter zum Guoqing-Tempel, wo Shide lebte, der für den Speisesaal zuständig war. Manchmal bewahrte dieser Essensreste für Hanshan auf und verbarg sie in einem Bambusrohr. Hanshan kam dann und nahm sie mit. Langsam ging er den langen Gang entlang, rufend, lärmend und die Leute neckend, oder er sprach vor sich hin ins Leere und lachte. Einmal folgten ihm die Mönche und fingen ihn, um ihm eine Abreibung zu verpassen. Er blieb stehen, klatschte in die Hände, lachte eine Weile laut – Ha, Ha! – und entfernte sich dann.

Er hatte das Aussehen eines armen Mannes. Sein Körper und sein Gesicht waren alt und verbraucht. Aber all seine Worte waren in Übereinstimmung mit den Prinzipien der Dinge. Wenn man tief genug nachdachte, verstand man ihren Sinn und spürte die Atmosphäre des Weges. Alles, was er sagte, rührte an tiefgründige Geheimnisse jenseits der Worte. Sein Hut war aus Birkenrinde, seine Kleider zerrissen und abgetragen, seine Schuhe aus Holz. So verbergen Menschen, die den Sinn erlangt haben, ihre Spuren, finden zur Einheit in allen Kategorien und wandeln sich mit den Dingen. Im langen Tempelgang rief er: Ach! Ach! Wie die drei Welten kreisen! Bisweilen lachte und sang er mit den Hirten in den Dörfern. Manchmal abweisend, manchmal entgegenkommend, war er von Natur mit sich zufrieden. Aber wie hätte ein Mensch ohne Weisheit ihn erkennen können?

Ich bekam einst einen kleinen Beamtenposten in Danqiu. Am Tag der Abreise wurde ich von starken Kopfschmerzen geplagt. Ich rief nach einem Arzt, er konnte jedoch nicht helfen und die Schmerzen wurden schlimmer. Da begegnete mir ein buddhistischer Meister namens Fenggan, der, wie er sagte, eigens vom Guoqing-Tempel in den Tiantai-Bergen gekommen war, mich zu besuchen. Ich bat ihn, mich von meiner Krankheit zu befreien. Er lächelte gelassen und sprach: „Die vier Bereiche sind innerhalb des Körpers. Krankheit entstammt der Illusion. Um sie loszuwerden, brauchst du reines Wasser.“ Jemand brachte dem Meister Wasser, der es auf mich spie. Sofort war die Krankheit entwurzelt. Darauf sagte er: „In der Präfektur Tai gibt es giftige Dünste. Sobald du dort anlangst, nimm dich in acht.“ Ich fragte ihn: „Gibt es Weise in deiner Gegend, zu denen ich als Meister aufschauen könnte?“ Er antwortete: „Siehst du sie, erkennst du sie nicht. Erkennst du sie, siehst du sie nicht. Willst du sie sehen, darfst du nicht nach der äußeren Erscheinung gehen. Dann wirst du sie sehen können. Hanshan ist Manjusri, der sich im Guoqing-Tempel verbirgt. Shide ist Samantabadra. Sie wirken wie arme Gesellen und verhalten sich wie Verrückte. Manchmal kommen sie, manchmal gehen sie. Sie helfen in der Speicherkammer von Guoqing und sorgen in der Küche für das Feuer.“ Nachdem er so zu Ende geredet hatte, empfahl er sich.

Ich setzte die Reise zu meinem Posten in Taizhou fort, ohne dies vergessen. Drei Tage, nachdem ich mein Amt angetreten hatte, besuchte ich einen Tempel und befragte einen alten Mönch, der die Worte des Meisters bestätigte. Also gab ich Befehl zu überprüfen, ob in Tangxing wirklich Hanshan und Shide lebten. Der Bezirksmagistrat berichtete mir: „An der Bezirksgrenze, siebzig Meilen im Westen, gibt es einen Berg. Die Leute beobachten oft, dass ein armer Mann vom steilen Berg heruntersteigt, um sich für eine Zeit im Guoqing-Tempel aufzuhalten. Im Speisesaal des Tempels gibt es einen ähnlichen Mann namens Shide.“ Ich begab mich daraufhin nach Guoqing, um meine Aufwartung zu machen. Ich erkundigte mich bei den Leuten vor dem Tempel: „Es gab einmal einen Meister mit Namen Fenggan hier. Wo war sein Quartier? Und wo befinden sich Hanshan und Shide?“ Ein Mönch mit Namen Daoqiao erwiderte: „Der Meister Fenggan lebte hinter der Sutren-Halle. Heutzutage gibt es dort niemanden mehr; oft kommt ein Tiger und brüllt. Hanshan und Shide sind in der Küche.“ Der Mönch führte mich zu Fenggans Quartier. Er öffnete das Tor: alles, was man sah, waren Tigerspuren. Ich fragte die Mönche Daoqiao und Baode: „Als Fenggan hier lebte, was war seine Aufgabe“? Die Mönche sagten: „Er schlug und schälte Reis. In der Nacht sang er Lieder, um sich zu unterhalten“. Dann gingen wir in die Küche. Vor dem Herd standen zwei Männer, zum Feuer gewandt, laut lachend. Ich verneigte mich und grüßte. Ho! Brüllten die beiden mir zu. Ha, Ha! Unter großem Gelächter klatschten sie ihre Hände zusammen und schrieen. Sie sagten: „Fenggan – lose Zunge, lose Zunge! Selbst Amitabha erkennst du nicht, wozu dann uns höflich grüßen?“ Die Mönche eilten herbei und umringten uns, mehr und mehr überrascht. „Warum hat sich ein hoher Beamter vor zwei armen Kerlen verbeugt?“ Die beiden fassten einander an den Händen und liefen aus dem Tempel. Ich rief: „Ergreift sie!“, aber sie rannten schnell davon und kehrten auf den Kalten Berg zurück. Ich befragte die Mönche: „Würden diese beiden Männer gewillt sein, hier im Tempel zu bleiben?“ Ich trug ihnen auf, Hanshan und Shide zu suchen und sie zurück zum Tempel zu bitten, um hier zu leben.

Ich kehrte in meinen Bezirk zurück, ließ zwei Garnituren sauberer Kleider anfertigen, besorgte etwas Räucherwerk und andere Dinge und veranlasste, alles zum Tempel schicken – die zwei Männer waren aber nicht zurückgekommen. So ließ ich alles auf den Kalten Berg tragen. Der Träger erblickte Hanshan, der „Dieb, Dieb!“ schrie und zu einer Berghöhle floh. Laut rief er: „Ich sage euch allen, bemüht euch fleißig!“ – betrat die Höhle und war verschwunden. Die Höhle schloss sich von selbst und man konnte ihm nicht folgen. Die Spuren von Shide waren nirgends zu finden.

Ich beauftragte Daoqiao und die anderen Mönche, herauszufinden, wie die beiden gelebt hätten, sowie die Gedichte aufzuspüren und zu sammeln, die sie auf Bambus, Holz, Steine und Felsen und im Dorf an Hausmauern geschrieben hatten. Es waren mehr als dreihundert. An der Mauer des Erdaltars hatte Shide einige Gathas hinterlassen. Alle wurden zusammengetragen und daraus entstand dieses Buch.

Ich halte mich an den Grundsatz des Buddha-Geistes. Es verheißt Glück, Männern des Weges zu begegnen, darum verfasste ich diese lobenden Worte.


Gedichte

高高峰頂上
四顧極無邊
顧坐無人知
孤月照寒泉
泉中且無月
月自在青天
吟此一曲歌
歌終不是禪

Hoch oben auf dem Gipfel des Berges,
grenzenlose Weite, wohin man auch schaut.
Niemand, der von mir weiß. Alleine sitze ich hier,
während ein einsamer Mond die kalte Quelle bescheint.
Dies in der Quelle ist nicht der Mond,
der Mond selbst steht am nachtblauen Himmel.
Ich singe dieses eine Lied,
doch findet sich darin kein Zen.


登陟寒山道
寒山路不窮
谿長石磊磊
澗濶草濛濛
苔滑非關雨
松鳴不假風
誰能超世累
共坐白雲中

Besteigst du den Kalten Berg,
so nimmt der Weg kein Ende.
Entlang der Bäche aufgetürmt die Felsen,
die Flüsse breit, das Gras von Nebel bedeckt.
Das Moos ist rutschig, doch gab es keinen Regen,
die Kiefern singen, auch ohne Wind.
Wer kann lassen die Bande der Welt und
mit mir sitzen, inmitten der weißen Wolken.


欲向東巖去
于今無量年
昨來攀葛上
半路困風煙
徑窄衣難進
苔粘履不前
住茲丹桂下
且枕白雲眠

Seit so vielen Jahren schon
wollte ich zu den Felsen im Osten,
gestern dann stieg ich herauf an Lianen,
auf halbem Weg gefangen in Nebel und Wind.
Der Weg zu schmal, die Kleider blieben hängen,
das Moos zu feucht, die Schuhe sanken ein.
Hier unter einem Zimtbaum hielt ich an
und schlief, mit den weißen Wolken als Kissen.


有身與無身
是我復非我
如此審思量
遷延倚岩坐
足間青草生
頂上紅塵墮
已見俗中人
靈床施酒果

Gibt es einen Körper oder keinen?
Bin ich dies oder bin ich dies nicht?
Diesen Gedanken hänge ich nach,
am Felsen sitzend, während die Zeit unmerklich vergeht.
Grün wächst Gras zwischen meinen Füßen,
rot senkt sich Staub auf meinen Kopf.
Schon bringen die Leute Früchte und Wein,
als Gaben zu meiner Totenbahre.


眾星羅列夜深明
巖點孤燭月未沉
圓滿光華不磨
瑩掛在青天是我心

Hingestreut die Sterne, die Nacht leuchtend und tief,
hoch noch der Mond, ein einsames Licht über dem Felsen,
voll und strahlend wie unpolierte Jade,
am klaren Himmel hängend, mein Geist.


手筆太縱橫
身材極魁偉
生為有限身
死作無名鬼
自古如此多
君今爭奈何
可來白雲裏
教你紫芝歌

Der Pinselstrich ungezwungen und frei,
die Gestalt kraftvoll und groß.
Im Leben ein Körper mit Grenzen,
im Tod ein Geist ohne Namen.
So war es schon immer seit alter Zeit,
auch du kannst heute nichts dagegen tun.
Komm doch zu mir in die weißen Wolken,
ich lehre dich das Lied der Purpur-Pilze.


人問寒山道
寒山路不通
夏天冰未釋
日出霧朦朧
似我何由屆
與君心不同
君心若似我
還得到其中

Die Leute fragen nach dem Weg auf den Kalten Berg,
doch des Kalten Berges Pfade, sie führen nirgendwohin.
Nicht einmal im Sommer schmilzt das Eis,
zeigt sich die Sonne, steigen dicht Nebel und Dunst.
Jemand wie ich, wie fand er hierher?
In meinem Inneren bin ich ganz anders als du.
Gliche dein Inneres dem meinen,
wärest du schon in unserer Mitte.


莊子說送終,天地為棺槨
吾歸此有時,唯須一番箔
死將喂青蠅,吊不勞白鶴
餓著首陽山,生廉死亦樂

Zhuangzi sprach angesichts des Endes:
Himmel und Erde, sie seien mein Sarg.
Nun, da meine Zeit der Rückkehr gekommen,
braucht es, mich zu bedecken, nur eine Matte.
Einmal tot, diene ich blauen Fliegen zur Nahrung,
weiße Kraniche, bemüht sie nicht zur Trauer!
Ich mag zwar verhungern auf dem Shouyang-Berg,
doch wer aufrecht im Leben, findet auch Freude im Tod.


可笑寒山道
而無車馬蹤
聯溪難記曲
迭嶂不知重
泣露千般草
吟風一樣松
此時迷徑處
形問影何從

Wunderbar, der Weg auf den Kalten Berg,
von Wagen und Pferden findet sich keine Spur1.
Ineinander mündende Schluchten, wirr ihr Verlauf,
steile Wände, hochaufragend Kette um Kette.
Tausend Gräser weinen Tränen von Tau,
in immer gleichen Kiefern singt der Wind.
Verirrst du dich dann und kommst ab vom Pfad,
fragt dein Körper den Schatten, wohin2?

  1. Han Shan zitiert hier den Dichter Tao Yuanming aus dem 4. Jahrhundert:

    Meine Hütte steht in bewohntem Gebiet,
    und doch herrscht kein Lark von Wagen und Pferden.
    Du fragst, wie mir dies möglich sei?
    Einem Herzen, das fern ist, wird still auch die Welt.
    Chrysanthemen pflücke ich am östlichen Zaun
    und schaue zufrieden zu den südlichen Bergen.
    Klar schimmern die Berge im Abendlicht,
    in Paaren kehren die Vögel zurück.
    Eine tiefe Wahrheit ist hierin enthalten,
    von ihr zu sprechen, versagen mir die Worte.
  2. Tao Yuanmings Gedicht Körper, Schatten und Geist, auf das sich Han Shan bezieht, endet mit den Zeilen:

    Zuviel des Denkens schadet dem Leben.
    Dem Lauf des Schicksals gib dich anheim,
    treibe mit den Wellen des Wandels,
    ohne Freude und auch ohne Angst.
    Ist es Zeit dann, zu gehen, dann geh,
    ohne dich weiter zu sorgen.

妾家邯鄲住
歌聲亦抑揚
賴我安隱處
此曲舊來長
既醉莫言歸
留連日未央
兒家寢宿處
繡被滿銀床

Handan, sagte sie, ist mein Zuhause,
du hörst es im Auf und Ab meines Gesangs.
So lange lebe ich schon hier und
singe die altüberlieferten Lieder.
Betrunken bist du? Sag nicht, dass du schon gehst!
Bleib! Noch steht die Sonne nicht hoch.
Die bestickte Decke in meiner Kammer
ist groß genug fürs ganze silberne Bett.


碧澗泉水清
寒山月華白
默知神自明
觀空境愈寂

Reines Quellwasser in blaugrünem Bach,
weißes Mondlicht über dem Kalten Berg.
Stilles Wissen, von selbst leuchtend der Geist,
Betrachtung der Leere, noch stiller die Welt.


杳杳寒山道
落落泠澗濱
啾啾常有鳥
寂寂更無人
淅淅風吹面
紛紛雪積身
朝朝不見日
歲歲不知春

Dunkel und verloren die Wege des Kalten Berges,
einsam und wild die Ufer des kalten Baches.
Die vielen Vögel singen und zwitschern,
kein Mensch in der weiten Stille.
Böe für Böe bläst dir der Wind ins Gesicht,
dicht und tief bedeckt der Schnee deinen Körper.
Morgen für Morgen siehst du keine Sonne,
Jahr für Jahr kennst du keinen Frühling.


寒山頂上月輪孤
照見晴空一物無
可貴天然無價寶
埋在五陰溺身軀

Über dem Kalten Berg das Rad des Mondes, einsam
beleuchtet es des klaren Himmels Leere.
Kostbarer, himmlischer, unbezahlbarer Schatz,
versunken im Körper, in den fünf Skandhas1 begraben.

  1. Die „Fünf Ansammlungen“, die eine Person ausmachen, ohne dass ein zugrundeliegendes Selbst existierte: Form (rupa), Gefühle (vedana), Wahrnehmungen (samjna), Geistige Impulse (sankhara), Bewusstsein (vijnana)

變化計無窮
生死竟不止
三途鳥雀身
五嶽龍魚已
世濁作䍲羺
時清爲騄駬
前迴是富兒
今度成貧士

Unaufhörlich ist der Wandel,
Geburt und Tod, sie enden nie,
ein Vogelkörper auf den drei Wegen1,
ein Drachenfisch auf den fünf Bergen2,
eine Bergziege in einer trüben Welt3,
ein edles Pferd in friedlicher Zeit4,
im letzten Leben ein reicher Mann,
diesmal nur ein armer Beamter.

  1. die drei niederen Wege der Wiedergeburt: in der Hölle zu leiden, zu einem Hungergeist zu werden oder die Wiedergeburt als Tier.
  2. die Fünf Heiligen Berge: Songshan (Mitte), Taishan (Osten), Huashan (Westen), Hengshan (Süden), Hengshan (Norden). Der Drachenfisch wird im Klassiker der Berge und Meere beschrieben: Der Drachenfisch lebt im hohen Norden. Er ähnelt der Wildkatze Li. Manche sagen, es sei eine Garnele. Die göttlichen Heiligen reiten ihn und bereisen so die Neun Wildnisse. Andere sagen, es sei der Schildkrötenfisch, nördlich der Yao-Wildnis. Diese Art von Fisch ähnelt dem Karpfen.
  3. In unruhigen Zeiten zieht sich der Edle zurück in die Abgeschiedenheit, wie eine Bergziege.
  4. In friedlichen Zeiten dient der Edle dem Fürsten. Das edle Pferd: wörtlich das Pferd Lu Er, eines der berühmten Pferde des Königs Mu der Zhou-Dynastie (10. Jh. v. Chr.).

一住寒山萬事休
更無雜念掛心頭
閒書石壁題詩句
任運還同不繫舟

Auf dem Kalten Berg finden alle Sorgen ein Ende,
keine wirren Gedanken bedrängen das Herz.
Müßig beschreibe ich Felswände mit Versen,
im Fluss des Lebens treibend wie ein unvertäutes Boot1.

  1. Zhuangzi: Die Schlauen mühen sich ab, die Weisen sorgen sich, doch die Unfähigen suchen nichts. Sie essen sich satt und treiben dahin, ziellos, wie ein unvertäutes Boot.

多少天台人
不識寒山子
莫知真意度
喚作閒言語

So viele Leute vom Tiantai
kennen nicht Hanshan, den Meister.
Seiner Worte Sinn erfassen sie nicht
und heißen sie seichtes Geschwätz.


寒山唯白雲
寂寂絕埃塵
草座山家有
孤燈明月輪
石床臨碧沼
虎鹿每為鄰
自羨幽居樂
長為象外人。

Der Kalte Berg, bloß weiße Wolken,
abgeschieden und fern allen Staubs.
Des Einsiedlers Besitz, ein Kissen aus Stroh1,
sein einziges Licht die helle Scheibe des Monds.
Ein steinernes Bett über blauem Teich,
als Nachbarn nur Hirsche und Tiger,
am stillen Leben will er sich freuen,
für immer ein Mensch sein jenseits der Form.

  1. zur Meditation

寒山深
稱我心
純白石
勿黃金
泉聲響
撫伯琴
有子期
辨此音

Abgelegen der Kalte Berg,
ganz nach meinem Herzen,
reine weiße Felsen,
kein gelbes Gold,
das Rauschen der Quellen,
wie Bo Yas Spiel auf der Qin.
Ziqi, wäre er hier,
verstünde das Lied.1

  1. Vom legendären Qin-Spieler Bo Ya wird berichtet, dass ihn sein Lehrer Chen Lian vom „abwesenden Lehrer“ unterrichten ließ, vom Rauschen der Wellen und Schreien der Seevögel, vom Wind in den Bäumen und von den hoch aufragenden Felsen der Berge. Die Melodien, die Bo Ya in Folge schuf, berührten nicht nur zutiefst die Herzen der Menschen, sogar die Pferde der kaiserlichen Reitställe schauten bei seinem Spiel vom Grasen auf. Eines Tages nach dem Tod seines Meisters ankerte Bo Ya sein Boot in den Schluchten bei Hanyang. Er begann, auf seiner Qin zu spielen und gedachte traurig seines Lehrers. Da hörte er vom Ufer her einen Seufzer. Aufschauend sah er einen Holzfäller, den er einlud, auf sein Boot zu kommen. Des Holzfällers Name war Zhong Ziqi. Bo Ya spielte verschiedene Lieder und fragte Ziqi, was diese bedeuteten. Die erste Melodie war die „Melodie der Unsterblichen der Gewässer“, und Ziqi erklärte, er höre Wind und Donner, umherfliegende Vögel und tanzende Fische, während der Fluss stetig dahinfließe. Bo Ya war erstaunt, wie genau Ziqi seine Musik verstand. Daraufhin spielte er die „Weise vom Wind des Himmels“. Diesmal sagte Ziqi: „Hoch aufragend wie der Berg Tai.“ Woran auch immer Bo Ya in seinem Spiel dachte, Ziqi sah es klar in seinem Geist. Bo Ya sagte: „Dein Herz und meines sind wirklich eins.“ So wurden die beiden enge Freunde. Ein Jahr später kam Bo Ya wieder in die Gegend von Hanyang, um Ziqi zu treffen, fand ihn jedoch nicht an ihrem Treffpunkt. Er begann, eine Melodie zu spielen, seine Qin tönte jedoch so voller Trauer, dass er sofort wusste, Ziqi war etwas zugestoßen. Auf dem Weg in Ziqis Dorf erblickte er einen alten Mann vor einem Grab und erfuhr, dass Ziqi an einer plötzlichen Krankheit verstorben war. Bo Ya spielte ein Trauerlied, zerbrach seine Qin und spielte nie wieder. Ein naher Freund heißt darum auf Chinesisch zhiyin, „der die Musik versteht“ oder „der um die Töne weiß“.

客難寒山子
君詩無道理
吾觀乎古人
貧賤不為恥
應之笑此言
談何疏闊矣
願君似今日
錢是急事爾

Jemand seufzte: „Meister vom Kalten Berg!
Eure Gedichte machen keinen Sinn!“
„An die Altvorderen halte ich mich,
die kümmerte nicht, niedrig zu sein und arm.“
Er verlachte meine Worte:
„Wie abwegig diese Rede!“
“Fahrt nur so fort, mein Herr,
lasst weiter Euch von Geld bedrängen!


身著空花衣
足躡龜毛履
手把兔角弓
擬射無明鬼

In Kleidern aus Himmelsblumen,
mit Schuhen aus Schildkrötenhaar,
einen Hasenhornbogen in Händen,
jagen sie den Dämon der Täuschung.1

  1. Himmelsblumen, Schildkrötenhaar, Hasenhornbogen sind buddhistische Metaphern für unwirkliche Dinge.

寒山子
長如是
獨自居
不生死

Der Meister vom Kalten Berg
war immer schon so,
alleine hausend,
weder am Leben noch tot.


家有寒山詩
勝汝看經卷
書放屏風上
時時看一遍

Die Gedichte von Han Shan
sind besser als die Lektüre von Sutren.
Schreib sie ab und hefte sie an einen Schirm,
von Zeit zu Zeit lies dann eines von ihnen!


© Árpád Romándy